Fantasy, Science-Fiction, Utopie, Dystopie
Mit Beginn der Neuzeit gibt es erstmalig in der Literatur das Phänomen der Utopie. Der Begriff ist von einem Werk von Thomas Morus aus dem Jahr 1516 abgeleitet. Utopie (ou-topos) bedeutet kein Ort, d.h. nirgendwo. Ein weiteres frühes Werk dieser Gattung ist der Sonnenstaat von Thomas Campanella aus dem Jahr 1602. Es war die Zeit der Renaissance, in der zahlreiche Werke antiker Autoren wiederentdeckt wurden. Zudem wurde mit den Entdeckungsfahrten der Europäer die Weltsicht revolutioniert und die Bewohner der Alten Welt mit neuen Lebensformen konfrontiert. Zudem erhielt das Christentum durch die Aufspaltung in verschiedene Konfessionen einen empfindlichen Schlag und Utopien, die sich vordem an Vorstellungen des Paradieses und die Beschaffenheit der Engel abgearbeitet hatten, wurden säkularisiert.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, d.h. in der Hochphase der industriellen Revolution erlebt auch die utopische Literatur einen Boom. Jules Verne betont zumeist den technischen Aspekt, wobei er sich besonders in seinem Spätwerk verstärkt mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzt. In den Schiffbrüchigen der Jonathan stellt er den Anarchisten Kaw-Djer in den Vordergrund, der auf einer Insel lebt und dessen Motto Ohne Gott und ohne Herr lautet.
In England war es Herbert George Wells, der 1895 seinen Roman Time Machine veröffentlichte, in der Reisen durch die 4. Dimension geschildert werden. In den 1930er und 1940er Jahren widmet sich John Reuel Tolkien seinem Werk Herr der Ringe, daß eine utopische Welt darstellt, die allerdings nicht durch technischen Fortschritt, sondern durch Magie und menschlichen Eigenschaften wie Mut, Feigheit, Liebe und Haß geprägt ist. Gewissermaßen schafft Tolkien hier das englische Mittelalter einer Parallelwelt, die aber auf die Vergangenheit und nicht auf die Zukunft bezogen ist.
Mit Aldous Huxley und George Orwell treten dann Dystopien stärker in den Vordergrund. Die Alptraumwelt dieser Dystopien war stets eng mit der paradiesischen Welt der Utopien verbunden. So schrieb Jules Verne bereits 1863 Paris au xxe siècle, wo er eine Welt schildert, wo die Technik triumphiert aber jede Art von Kunst verachtet wird. Während in Brave New World bzw. Brave New World Revisited gewissermaßen die Zukunft des Kapitalismus dargestellt wird, wo die Menschen u.a. dadurch beherrscht werden, daß sie ihren Konsumwünschen hinterherlaufen wie ein Hund einem Stoffhasen auf der Rennbahn, geht es bei 1984 um eine "klassische" Diktatur. Das heißt, Menschen werden für Vergehen wie unerwünschte Gedanken oder Handlungen bestraft. Die Erziehung bei Brave New World ist subtiler: Menschen werden auf Konsum konditioniert und sind so beherrschbar.
Interessanterweise - man kann auch sagen paradoxerweise - beschreibt Huxley in seinem Spätwerk Island eine Gegenwelt zu Brave New World, die dennoch wesentliche Berührungspunkte mit der Welt Mustapha Monds besitzt.